Across The Atlantic:
Acculturation And Hybridization in Jazz And The African
Bezogen auf den transatlantischen Austausch zwischen Afrika, Amerika und Europa ist Akkulturation ein kulturhistorisches Problemfeld von erheblicher Relevanz. Ob im Zuge der Zurschaustellung »primitiver Kulturen« auf Weltausstellungen des 19. Jhs. oder in Zusammenhang mit den heutigen urbanen Hip-Hop-Elektroniksounds – die Begegnung mit afrikanischen Kulturen und deren Retentionen in der afro-amerikanischen Kultur sind allemal Anlaß zu ausgiebiger Diskussion. Jazz ist einer der Kernbereiche der afrikanischen Diaspora in den USA, und der afrikanische Anteil am Jazz ist dessen ganze Geschichte hindurch, von »Storyville« bis zum »Lincoln Center«, Anlaß für Kontroversen.
Der vorliegende Aufsatz gibt einen kritischen Überblick über einflußreiche Schriften zum Themenbereich Akkulturation und Jazz. Das Studium akkulturativer Vorgänge entsprang anthropologischen Interessen. In frühen Abhandlungen zur Akkulturation spielte Jazz allerdings keinerlei nennenswerte Rolle. Erst mit der aufkommenden Betrachtung von Musik wurde er als eines unter vielen afro-amerikanischen Genres diskutiert. Melville Herskovits, die bedeutendste Figur diesbezüglicher Forschungsbemühungen, definierte Akkulturation als einen kulturellen Wandlungsprozeß, der einer Bevölkerung widerfährt, die über lange Zeit den kulturellen Äußerungen einer anderen, von ihr verschiedenen, ausgesetzt ist. Demnach kommt es zu kulturellen Übernahmen, jedoch auch zu wechselseitigem Austausch sowie zu Synthesen. Christopher Waterman, ein Student von Herskovits an der Northwestern University, schrieb vom anthropologischen Standpunkt aus extensiv über Musik, und gemeinsam mit Herskovits war er der wesentliche Ausgangspunkt für die Debatte rund um die afrikanischen Ursprünge des Jazz, die mit Ernest Borneman und Rudi Blesh Mitte der 1940er Jahre begann und erst in den späten 1960ern verebbte. Diese Debatte übte einen nicht unerheblichen Einfluß auf die Betrachtungsweise des Jazz aus, da in den Jazzgeschichtsbüchern jener Zeit der Prähistorie des Jazz breiter Raum gewidmet wurde.
Obgleich die Glanzzeiten der Akkulturationstheorie längst vorüber sind (zumindest in ihrer ursprünglichen Form), sind fundamentale Fragen zu transatlantischen kulturellen Beziehungen weiterhin von Relevanz. Die Betrachtung einflußreicher Kulturkonzepte in der aktuellen Anthropologie zeigt, in welcher Weise sich die Diskussion kultureller Beziehungen geändert hat. So fallen beispielsweise in der Arbeit von Arjun Appadurai eine geänderte methodologische Herangehensweise sowie die inhaltlichen Schwerpunkte »Modernität« und »Globalisierung« auf. Generell ist der Begriff der Hybridisierung zu einer der gebräuchlichsten Bezeichnungen für kulturelle Vermischungen geworden. In der musikologischen Diskussion wiederum konzentrierte man sich insbesondere auf die Erörterung von »Weltmusik« und deren Pop-Derivat »World Beat«. An diesen Diskussionen wiederum partizipierten Fachleute mit ethnomusikologischem Hintergrund. So wird beispielsweise anhand der Arbeit von Ingrid Monsen aufgezeigt, daß das Konzept der Diaspora den Fokus der Betrachtung musikalischer Bereiche und deren Beziehungen zueinander erweitert hat.
Alles in allem sind Musikkulturen einem ständigen Wandel unterworfen, und somit ist auch der Forscher mit immer neuen Herausforderungen konfrontiert, ausgewogene Konzepte für das, was weltweit an kulturellen Wechselwirkungen rund um den Jazz passiert, auszuarbeiten.