International Society for Jazz Research

The Politics of Black Music and the Tradition of Poetry

Amiri Baraka and John Coltrane

Amiri Barakas (LeRoi Jones') frühe Gedichte in "Preface to a Twenty Volume Suicide Note" (1961) und "The Dead Lecturer" (1964) waren geprägt von Entfremdung und Desillusionierung und von seinen Bemühungen, seine Rolle als schwarzer Schriftsteller und Intellektueller in der amerikanischen Gesellschaft und der weißen Avantgarde zu verstehen und neu zu definieren. Während er in seiner Suche nach neuen "schwarzen" poetischen Formen diese zunächst nur negativ, als Zerstörung westlicher Traditionen und als Abwesenheit von "music" zu bestimmen vermag, führen ihn seine Studien afroamerikanischer Musik (Blues People; Black Music) zu einer Affirmation der revolutionären Kraft der traditionellen und zeitgenössischen afroamerikanischen expressiven Kultur. Seine in "Black Magic" (1969) gesammelten Gedichte nehmen auf vielfältige Weise literarisch die Herausforderung an, die die schwarze Musik als spirituelle, kommunikative und politische Verwirklichung einer Black Aesthetic bietet. In "It's Nation Time" (1970) und "Spirit Reach" (1972) aus Barakas schwarznationalistischer Periode wird John Coltrane für Baraka immer mehr die zentrale Figur, in der sich "black art", "black community" und "black spirituality" im gesamtamerikanischen Kontext kulturrevolutionär verbinden. Nach seiner Bekehrung zu einer "marxistisch-leninistisch-maoistischen Ideologie" Mitte der sechziger Jahre revidiert Baraka konsequenterweise seine Einschätzung des neuen Jazz der sechziger und siebziger Jahre und auch der "Mystik" und "Spiritualität" des späten John Coltrane. Sein Programm einer politisch revolutionären Dichtung, die zugleich "popular" und "advanced" wäre ("Herd Facts", 1976: "Poetry for the Advanced", 1977- 79), führt ihn jedoch zu einer intensiven Aufarbeitung und kritischen Rekonstruktion einer "usable pest" in der afroamerikanischen Geschichte und Kultur, die die zentrale Rolle schwarzer Musik, von Rhythm and Blues, Soul Music bis Charlie Parker, John Coltrane und seinen Nachfolgern erneut als Herausforderung aufnimmt.

Der Essay zeichnet an einigen herausragenden, John Coltrane gewidmeten Gedichten Barakas seit Ende der siebziger Jahre (und Hinweisen aus seinem nur in Auszügen veröffentlichten John Coltrane-Buch) nach, wie er die Dialektik von Innovation und Tradition, von revolutionärem Wandel als "Bekräftigung" der Tradition auf einer "höheren Ebene" literarisch zu entfalten versucht und damit immer wieder die Starrheit seiner politischen Dogmen suspendiert und qualifiziert. In "AM/TRAK" (1979) dramatisiert er die Dialektik von "History Love Scream" und gibt Coltrane selbst eine "poetic voice of his own". Die Spannung zwischen der poetischen Verarbeitung und Ausdrucksform der revolutionären Kraft John Coltranes im Kontext der afroamerikanischen Kultur und der Entwicklung einer politischen Ästhetik und afroamerikanischen Literaturtheorie trägt Baraka dann in zahlreichen Vorträgen und Essays in den frühen achtziger Jahren in einer radikalen Rekonstruktion der (revolutionären) Tradition afroamerikanischer Literatur aus. Die nach dem Free Jazz der späten sechziger und frühen siebziger Jahren einsetzende vielfältige Wiederentdeckung und Reflexion der schwarzen Musiktradition und ihrer ästhetischen und gesellschaftlichen Transformationen, vom Art Ensemble of Chicago bis zu Arthur Blythe und insbesondere Archie Shepp, eröffnen für Baraka die Möglichkeit einer neuen, wenn auch nicht konfliktfreien ästhetisch-politischen Einheit schwarzer Musik und Literatur, die auf der LP "New Music New Poetry" (1981) mit David Murray und Steve McCall "hörbar" wird. In "In the Tradition / For Black Arthur Blythe" (1980) finden Coltrane und andere schwarze Musiker einen Platz in einer langen und vielstimmigen afroamerikanischen oralen und literarischen Kultur voller Kontinuität und radikalen Brüchen, die das Gedicht eindruckevoll anruft, evoziert und als "performance" verkörpert. Barakas andauernder literarischer "Respons" auf Coltranes Werk "call", der sich in einigen kürzeren Gedichten fortgesetzt hat, hat ihn schließlich nicht nur zur Entwicklung neuer Ausdrucksformen einer afroamerikanischen "literary voice" und zu einer kritischen Aufarbeitung seiner eigenen literarischen Biographie geführt, sondern zu grundlegenden Einsichten in die spezifische Ästhetik afroamerikanischer Musik und Dichtung. Deren Identität und Differenz legt er in seinen Ausführungen zu "poetrymusic" in ihrer poetologischen und "dekonstruktiven" Leistung für die gegenwärtige afroamerikanische Dichtung dar.